Glückliche Tage

2014-06-11 09-28-10_0022Seit langer Zeit wieder eine Hochzeitseinladung ganz nach meinem Geschmack: Keine Kleiderordnung, keine Reden, keine Spiele, kein Gottesdienst, keine Geschenkvorschriften. Ein großes Fest am Abend, Essen und Musik und sonst nichts. Wir waren schon auf Burgen am Rhein, auf Hochzeiten, die sich über drei Tage zogen. Standesamt, Kirche, Fest. Eine Hochzeit fand in zwei Ländern statt. Schon Monate vorher trafen sich die Gäste jeden zweiten Sonnabend, um zu überlegen: Wie das Zelt dekoriert werden sollte. Ob auch das Boot geschmückt werden sollte, mit dem man auf die Insel, auf der sich das Zelt befand, übersetzen würde. Was die Brautjungfern an den diversen Terminen tragen würden.

Erstaunlicherweise ist bisher nur eine dieser Ehen auseinandergegangen, nämlich die, bei der das Brautpaar 24 weiße Tauben in den Himmel steigen ließ. Die Tauben kann man im Duo, im 6er-oder 24er Bündel bestellen, geliefert werden sie in einem großen Korb. Wenn das Paar endlich mit Nagelscheren ein Herz in ein großes Laken geschnitten, der Bräutigam die Braut geschultert und hindurchgetragen hat, wird der Korb aufgeklappt und die Vögel steigen in den Himmel, ohne in der Aufregung auf die Braut zu kacken.

Das klingt gehässig und auch neidisch. So als wäre meine Hochzeit nicht der glücklichste Tag meines Lebens gewesen. War er auch nicht, es war ein ganz normaler Mittwoch, wir waren zu zweit auf dem Standesamt und hatten außer den nötigen Papieren nichts dabei. Keine Ringe, keine Trauzeugen, keine Gäste und auch keinen Fotoapparat. Auf der Rückfahrt vom Standesamt wurde mein mir frisch Angetrauter beinahe von einer Autofahrerin umgefahren, die sich auf den Radweg verirrt hatte. Auf den Schreck aß ich zwei Stück Torte und trank Cappuccino, mein Mann sicher Limonade oder einfach nur Wasser. Ich erinnere mich nicht mehr genau. Danach radelten wir nach Hause, Mittagschlaf machen.

Der nächste potenziell glücklichste Tag wäre die Geburt unseres ersten Kindes gewesen. Nach der Erleichterung, dass das Kind heil heraus war, fragte ich mich, wann so ein Neugeborenes etwas essen muss und wann es einmal so richtig schreit und ob es jemals die Augen aufmachen wird. Dann wurde das zweite Kind geboren, da wusste ich schon wie alles funktioniert. Vielleicht werde ich auf meinem Sterbebett an diese beiden Tage zurückdenken und erkennen, dass das die schönsten Tage meines Lebens waren. Vielleicht darf es auch nur einen geben, dann werde ich mich entscheiden müssen.

Vielleicht steht er mir kurz bevor. Nicht der Tod. Der Tag, der alle vergangenen und kommenden Tage übertrifft. Wir werden die an den möglicherweise glücklichsten Tagen unseres Lebens geborenen Kinder zum möglicherweise glücklichsten Tag im Leben unserer Freunde mitnehmen. Vielleicht klappt’s.

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Tücken der Anpassung

2014-06-01 17-01-27_0021Auf der Leiter hinauf zur Rutschbahn steht ein Mädchen und ruft seine Mutter. Die Mutter soll helfen, denn das Kind schafft das letzte Stück nicht. Der Abstand zwischen der letzten Sprosse und dem Anfang der Rutschbahn ist zu hoch. „Dann komm wieder runter“, ruft die Mutter. Das Kind schreit: „Hol mich runter.“

Die Mutter sagt zu mir, wenn das Kind alleine hinaufgekommen sei, werde es doch wohl auch wieder alleine herunterkommen. Das klingt logisch. Oft genug aber habe ich die Erfahrung gemacht, dass Kinder sich um Logik nicht scheren. Meine Kinder kommen fast überall alleine hinauf, hinunter oder hinein – aber nur selten kommen sie auch alleine wieder hinunter, hinauf oder heraus.

Die Frau an der Rutsche hat mehr Glück, ihr Kind kann leicht gerettet werden. Sie wird keine Zange brauchen so wie wir, als unser Sohn seinen Fuß zwischen die Metallstäbe in der Rückenlehne eines Gartenstuhles geschoben hatte. Das Mädchen auf der Leiter schreit, hinter ihr warten andere Kinder, die auch anfangen zu rufen, und natürlich gibt es Kinder, die zwar oben stehen und in Ruhe rutschen könnten, aber doch lieber wieder die Leiter hinuntergehen wollen.

Doch ein Wunder geschieht – die Kinder oben machen Platz, vielleicht schieben auch die wartenden Kinder. Jedenfalls schafft das Mädchen doch das letzte Stück, ganz alleine. „Siehst Du“, sagt die Mutter zum Kind und zu mir: „In Frankreich eilen die Mütter ihren Kindern nicht bei jeder Kleinigkeit zur Hilfe. Das machen nur die deutschen Mütter.“

Recht hat sie. Ich an ihrer Stelle wäre sehr schnell und sehr deutsch die Leiter hinaufgestiegen, um dem Kind zu helfen und das Geschrei auf der Leiter zu beenden. Mir gefällt die Einstellung der Frau und ich frage mich, ob ich es zu weit getrieben habe mit der Anpassung. Ich hoffe, dass die Frau bald mit ihrem Kind nach Hause geht. Sie soll nicht mitansehen, wie ich eine halbe Stunde lang mein Kind auf der Schaukel anschubse.

Am selben Abend habe ich eine Verabredung mit einer Malerin aus New York. Als wir an der Theke bezahlen wollen, fragt der Mann an der Bar meine Bekannte, wie es ihr auf ihrer letzten Ausstellung ergangen sei. Ich wusste nicht, dass sie sich kennen. Ich wusste lediglich, dass er auch aus New York ist. „Zusammen oder getrennt?“, fragt er uns, klappt seinen riesigen Kellnergeldbeutel auf und wartet. Erst sieht er mich an, lächelt. Dann schaut er sie an, lächelt.

„Zusammen“ sage ich schnell. Ich weiß ja, dass alle Welt über unser deutsches Auseinanderklamüsern der Rechnung lacht. „Getrennt“, sagt meine Bekannte. „Ha, da hast du dich aber wirklich gut angepasst“, sagt der Typ. Wir zahlen jede ihr Getränk und gehen. Ich hoffe, er hat nicht mich gemeint damit.

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Mein Leben mit Führerschein

2014-05-16 11-57-18_0002Seit einundzwanzig Jahren habe ich einen Führerschein, seit sechzehn Jahren fahre ich nicht selbst. Das ist das Schöne an Berlin, man kann sehr viel und weit umherkommen – ohne ein Auto.

Meine Freunde nahmen ihre ersten Fahrstunden, da waren sie keine 18, aber an ihrem Geburtstag wollten sie ihren Führerschein haben. Mit zwanzig war ich die Letzte, die sich in der Fahrschule anmeldete – und dann als Allerletzte fertig, weil ich die Fahrprüfung nicht einmal, sondern viermal machen musste. Dreimal durchfallen, einmal bestehen, macht inklusive autogenes Training bei der Krankenkasse und Fahrschulwechsel viermal. Nachdem ich den Mist hinter mich gebracht hatte, wollte ich gar nicht mehr Auto fahren. Meine Eltern aber fanden, nachdem sie ein Vermögen in meine Fahrstunden gesteckt hätten, wäre es erst recht Verschwendung, wenn der teuerste Führerschein der Familie auf dem Amt vergammelte. Ich sollte viel fahren, um meine Angst loszuwerden, also holte ich meine Eltern von der Arbeit ab oder fuhr in der Nacht meinen besten Freund aus der Kneipe nach Hause, weil ich nur zwei Gläser Orangensaft, er aber sechs Hefeweizen getrunken hatte. Vor dem Haus seiner Eltern stellte ich den Motor ab und hoffte, er würde mich endlich einmal küssen, aber er wollte immer nur reden. Zum Kuss kam es nie. Hätte ich ihn an einem bierseligen Abend geküsst, hätte ich die folgenden zehn Jahre meines Lebens nicht geglaubt, ich wäre immer noch in ihn verliebt.

Nun ist er verheiratet, mit einer anderen und Vater. Und ich – glaube ich jedenfalls – nicht mehr in ihn verliebt. Er hat auch ein Auto, immer schon gehabt, ganz im Gegensatz zu mir. Ich habe noch immer keines, der alte Berlingo, der in unserer Straße steht, gehört meinem Mann. Neulich musste ich mich doch einmal ans Steuer setzen. Wir hielten in der zweiten Reihe, mein Mann sprang aus dem Auto in die Reinigung, hinter mir hupte jemand und machte Zeichen, ich solle ein Stück vorrollen. Die Kinder klammerten sich ängstlich an ihre Kindersitze. Einen Moment lang, wusste ich nicht mehr, welches der drei Pedale die Kupplung war. Der Kerl hinter mir hupte wieder, die Kinder schrien: „Du darfst das nicht.“ Wenigstens heulten sie nicht, man hätte meinen könne, ich wollte sie entführen.

Meine Mutter hat ihren Führerschein gemacht, da war ich zehn und sie 30. Statt stolz auf sie zu sein, schämte ich mich, dass sie in ihrem fortgeschrittenen Alter meinte, einen Führerschein machen zu müssen. Bis dahin hatte ich geglaubt, sie könne gar nicht Autofahren, nicht nur weil sie eine Frau war, sondern, weil sie nicht rauchte.

Ich rauche nicht, fahre nicht Auto, und meine Kinder erzählen jedem, ich würde nicht Autofahren, weil ich den Weg nie fände. Das ist leider wahr. Da hat auch der Führerschein nicht geholfen.

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Geschenkte Zeit

Geschenkte Zeit

Bei einem Abendessen habe ich eine Schriftstellerin kennengelernt, die in einem Schloss wohnt. Als Stipendiatin darf sie bis zum Herbst dort bleiben, von ihrem Schreibtisch aus sieht sie in einen Park. Jeden Tag kann sie schreiben, so lange sie will und stundenlang lesen. Genau deshalb hat sie sich dort beworben. Ich fragte, wie viele Stunden am Tag sie schreibt. „Weiß nicht. Meist sitze ich am Schreibtisch und denke nach.“ An guten Tagen komme sie auf zwei Seiten. Oft auf weniger, noch öfter schreibe sie keine einzige. Das seien die schlimmsten Tage, aber schlimm auch die Tage, an denen sie eine Seite schaffe. „Wenn ich nicht schreibe, habe ich ein schlechtes Gewissen. Das macht mich so fertig, dass ich nicht schreiben kann.“

Zu Hause blicke sie von ihrem Schreibtisch auf eine Wand. Oberhalb ihres Kopfes sind drei Bohrlöcher, darin stecken gelbe Dübel. Einmal hat sie eine Landkarte darüber geklebt. Weil aber das Papier zu dick war, löste es sich ständig an den Ecken, rollte sich ein und fiel am Ende ab. Links von ihrem Schreibtisch steht das Bett, ein paar Schritte hinter ihr der Kleiderschrank.

Wenn sie aus dem Fenster nach rechts schaut, sieht sie die Brandmauer des Nachbarhauses. Im Sommer scheint aber die Sonne darauf und reflektiert das Licht in ihr Schlafarbeitszimmer. Zuhause schafft sie am Tag drei oder vier Seiten, manchmal fünf. Sobald aber ihr Sohn von der Schule kommt, ist es mit der Konzentration vorbei. Ihr Sohn ist zwölf. Der braucht sie nicht zum Popoabwischen, er kann seinen Helikopter allein vom Regal herunternehmen. Er braucht sie aber zum Erzählen, schlechte Laune loswerden oder Hausaufgaben machen. Sie wünscht sich, sie könnte am späten Nachmittag weiter schreiben. Dann aber muss sie zum Supermarkt. Oder mit ihre Tochter zum Augenarzt. Danach kocht sie das Abendessen. Und am Abend schreiben, das konnte sie noch nie.

In ihrem Schloss muss sie nicht auf die Uhr schauen, sie kann erst am Nachmittag anfangen zu schreiben, so lange, bis sie müde wird. Im Schloss braucht niemand Hilfe beim Referat, keiner will ein Abendessen. Sie selbst isst belegte Brötchen oder Joghurt, Bananen und Salzstangen. „Ich bringe aber nichts zustande. Ich sitze am Schreibtisch, schaue in den Park und komme und komme nicht voran.“ Soviel Zeit. Soviel verschenkte Zeit. Sie grämt sich über die Gelegenheit, die vielleicht nicht mehr wiederkommt.

Jemand am Tisch sagt, sie habe einfach zu viel Zeit. Sie solle sich eine Frist setzen. Das hat sie gemacht. Von Zuhause hat sie sich die Steuerunterlagen schicken lassen. Jetzt schreibt sie von neun bis zwei an ihrem Roman. Punkt zwei Uhr klappt sie das Laptop zu und macht sich an die Steuererklärung. Zweimal in der Woche hilft sie am Nachmittag ehrenamtlich Kindern bei den Hausaufgaben. Sie schafft wieder fünf Seiten am Tag.

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Barmherzige Cousine

Barmherzige CousineSeit letztem Sommer schreiben meine Cousine und ich uns regelmäßig. Das haben wir zuletzt als Kinder getan, ich auf bunt gemustertem Briefpapier mit passenden Umschlägen. Meine Cousine, die solches Papier nicht hatte, malte mit Kuli Herzen und Blumenranken auf ihr liniertes Papier oder beklebte es mit Tierbildern aus der Zeitung. Meine Briefe begannen immer gleich: Liebe F., wie geht es dir? Geht es dir gut? Ich hoffe bei Allah, dass es dir gut geht. Wenn du wissen möchtest, wie es uns geht, uns geht es gut. Das Wetter ist schlecht. Wie ist das Wetter bei euch? Erst nach diesem Absatz durfte man schreiben, was man wirklich schreiben wollte. Meine Eltern hatten mir erklärt, dass man Briefe so schreibt, meine Cousine begann ihre genauso.

Auf die Idee, ein Wörterbuch zu benutzen, wenn ich nicht wusste, was Schullandheim oder Vokabeltest bedeutete, kam ich damals nicht. Ich fragte meine Mutter, aber die wusste es meist auch nicht, und sagte, wieso schreibst du ihr nicht, wer am Wochenende bei uns zu Besuch gewesen ist. An den Wochenenden besuchten uns immer die gleichen sechs Freunde meiner Eltern, mit ihren Söhnen musste ich Woche für Woche Raumschiff Enterprise spielen. Hatte ich Glück, durfte ich Ohura sein, am Schreibtisch sitzen und so tun, als würde ich tippen. Später fand ich heraus, dass sie Uhura hieß, aber das erfuhr ich von meinem Schulfreund Jörn, nicht von meiner Mutter. Die kannte Ohura natürlich nicht, sagte aber, als ich ihr meinen Brief an meine Cousine zeigte, ich solle das Wort lieber wieder wegradieren. Sie musste es mit Hure verwechselt haben. Was das war, erklärte mir Jörn dann in der vierten Klasse.

Heute gibt es Onlinelexika, da sehe ich nach, was merhametli heißt. Das nämlich sei ich, schreibt meine Cousine in ihrer letzten Mail. Gut. Nett. Ordentlich. Das bin ich. Meistens. Im Wörterbuch fand ich unter dem Substantiv „merhamet“ Erbarmen. Darauf wäre ich nie im Leben gekommen. Mit wem habe ich Erbarmen? Wie ist jemand, der Erbarmen hat, erbärmlich? Barmherzig? Mitleidsvoll? Gütig? Zur Mutter Gottes würde das passen, nicht zu mir. Die jammernden Kinder barmten sie. Mich barmen jammernde Kinder nicht. Zu meinen jammernden Kindern sage ich hartherzig und lieblos, geht in euer Zimmer und jammert dort, sonst kriege ich einen Nervenzusammenbruch. Kann man sich nicht vorstellen, dass das Maria einmal zum kleinen Jesus gesagt haben könnte.

Merhametli wird ein Wort sein, das man der Pflicht halber in türkische Mails einflicht, um einen elektronischen Brief, den man nicht anfassen kann wie ein 80 Gramm schweres Blatt liniertes Briefpapier, ein wenig gefühlvoller zu machen. Sie sei auch sehr merhametli, antworte ich. Erst nachdem ich die Mail abgeschickt habe, fällt mir ein, dass ich meine Mutter hätte fragen können.

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Mein deutscher Pass

2014-06-01 16-58-46_0020Seit ungefähr zwanzig Jahren habe ich einen deutschen Pass. Dafür musste ich den türkischen aufgeben, das heißt, aus der türkischen Staatsbürgerschaft austreten. Das habe ich gemacht. Es hat mich nicht besonders gekümmert, denn das, wofür ich einen Pass brauchte, konnte ich mit dem türkischen schlecht: reisen. Als meine Klasse nach Südfrankreich fuhr, war ich die Einzige, die ein Visum beantragen musste. Die Route führte ein Stück durch die Schweiz, und kurz vor der Grenze fiel uns auf, dass der Bus mit mir nicht einfach durch die Schweiz fahren konnte. Also machte der Fahrer mitsamt den jammernden Mitschülern einen Umweg, aber niemand wollte riskieren, dass ich aussteigen und alleine nach Hause fahren musste.

Inzwischen muss man sich nur noch bedingt für die eine oder andere Staatsbürgerschaft entscheiden. Die Optionspflicht, die seit dem Jahr 2000 gilt, betraf mich aber schon nicht mehr. Kinder, die in Deutschland geboren werden und deren Eltern keinen deutschen Pass haben, bekommen mit der Geburt sowohl die deutsche als auch die Staatsbürgerschaft ihrer Eltern. Vorausgesetzt, ihre Eltern leben seit acht Jahren in Deutschland. Mit spätestens 23 Jahren allerdings müssen sie sich für eine der beiden Staatsangehörigkeiten entscheiden. 98 Prozent der jungen Leute haben sich im vergangenen Jahr für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden. Das sind die Zahlen des Innenministeriums.

Nun gibt es einen neuen Gesetzesentwurf zur doppelten Staatsbürgerschaft. In Zukunft sollen sich junge Deutschtürken nicht mehr zwischen der einen oder anderen Staatsangehörigkeit entscheiden müssen. Das klingt gut, Bedingungen gibt es aber weiterhin. Man muss mindestens acht Jahre in Deutschland gelebt haben. Wer nicht auf acht Jahre Aufenthalt kommt, muss sechs Jahre hier zur Schule gegangen sein, einen deutschen Schulabschluss oder eine Berufsausbildung haben. Wer auch das nicht vorweisen kann, darf seinen deutschen Pass nach dem 23. Geburtstag nicht behalten.

Die Regeln sind klar und eindeutig. Man weiß, was man zu tun hat und womit man rechnen muss, wenn man sich nicht daran hält. Trotzdem, ein Gefühl von Sicherheit vermitteln diese Regeln nicht. Man weiß ja nie, wie das Leben sich entwickelt, und wenn es dumm läuft, verliert man die deutsche Staatsbürgerschaft womöglich wieder.

Ich habe mein halbes Leben lang einen deutschen Pass. Manchmal aber überkommt mich die Angst, so irrational sie auch sein mag, man könnte ihn mir wieder abnehmen, weil ich ja nicht „echt Deutsch“ bin. Es ist die Furcht, dass ich im Grunde mit meinem Namen und meiner Herkunft, aber ohne meinen Pass, immer Türkin bleiben werde – sosehr ich auch dagegen anschreibe.

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Geschichten, Geschichten

2014-05-17 19-05-26_0018Wenn ich im Auto lese, wird mir übel. In der S-Bahn schaue ich aus dem Fenster und vergesse den Roman in meiner Hand. Im Bett schlafe ich mit aufgeschlagenem Buch auf dem Bauch ein. In meiner Handtasche kriegen die Taschenbücher Eselsohren. Auf dem Sofa wird mir ohne Wolldecke kalt, mit Decke werde ich schläfrig. Blicke ich dann tatsächlich einmal auf die Seiten und lese, bin ich in Gedanken gleich ganz woanders. Nach anderthalb Seiten, manchmal auch erst viel später, fällt mir auf, dass ich nicht weiß, was ich gerade gelesen habe. Ich lege das Buch aus der Hand, um konzentrierter bei der Sache zu sein, aber dann kommen mir keine Gedanken. Ich brauche das Buch, ich muss hineinsehen und darin stumm alle Wörter lesen, nicht verstehen. Darum kann ich wohl auch keine Geschichten erzählen.

Abends im Bett wollen die Kinder, dass ich ihnen etwas erzähle. Sie haben genau Vorstellungen davon, was sie hören wollen. Fange ich an mit einem kleinen Frosch, der mit dem Bus nach Australien fahren will, um seine Freundin… da unterbrechen sie mich, weil sie eine Ponygeschichte wollen. Oder lieber etwas über ein Kätzchen. Oder über Fohlen. Ich füge mich und arbeite ihre Anweisungen ein. Sie bestimmen, was die Helden tun, wem sie unterwegs begegnen und rufen: „Nein, das soll das Fohlen nicht sagen.“ Beharre ich darauf, eine Geschichte nach meinem Geschmack zu erzählen, sagen sie, diesmal müsse aber auch wirklich etwas passieren in meiner Geschichte. Nicht mehr lange und sie werden meinen Sprachstil kritisieren und den Aufbau, inhaltliche Fehler bemerken sie ohnehin schon. Wird aus Versehen aus dem Einhorn ein Fohlen, protestieren sie. Und weil ich nicht aufhören darf zu erzählen, bevor sie eingeschlafen sind, nehmen die Geschichten kein Ende, auch wenn dem Glück der Katzenfreunde längst nichts mehr hinzuzufügen ist. Die Gutenachtgeschichten ziehen sich und ziehen sich, alles was ihr Neugier wecken könnte, lasse ich weg. Ich lasse die Einhörner ewig über Wiesen und Felder galoppieren, Wasser aus dem Fluss trinken und Blumen fressen, gelbe, rote, weiße, auch lange Halme und Kräuter. Dann legen sie sich unter einen Baum und schlafen und schlafen und schlafen, so lange, bis meine Tochter murmelt, das sei eine furchtbar langweilige Geschichte, sie mache schon mal die Augen zu.

„Erzählt ihr mir doch eine Geschichte“, sage ich. Das wollen sie nicht, sie wollen auch nichts vorgelesen bekommen. Sie wollen zuhören und bestimmen, wo es lang geht. Sie interessieren sich nicht für das, was ich mir für sie ausdenke. So wie ich mich nicht für das interessiere, was andere sich für mich ausdenken. Geschichten sind unser Vehikel, ich brauche sie zum Grübeln, die Kinder, um mich herumzukommandieren.

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Heimat – was soll das?

2014-05-16 13-20-55_0008Wie oft wurde ich nach meiner Heimat gefragt und wie viele Male habe ich schon darauf geantwortet? Manchmal ausweichend, manchmal ganz entschieden, weil ich mich gerade für einen bestimmten Ort als Heimat entschieden hatte. Das konnten auch Orte sein, an denen ich nie gelebt habe, die Türkei zum Beispiel. Dann kam mir der Gedanke, dass Heimat kein Ort, sondern ein Gefühl sein müsse, hervorgerufen durch einen Teller Spaghetti Bolognese, ein Lied, einen Duft, einen Dialekt. Einmal las ich, die Heimat trage man mit sich herum wie die Schildkröte ihren Panzer. Das Bild gefiel mir gut und für eine Zeit antwortete ich allen, die mich nach meiner Heimat fragten mit der Schildkröte.

Vor einigen Tagen habe ich meine Großmutter in der Türkei besucht. Sie ist 97 und schon sehr schwach. Die ganze Familie hatte sich um ihr Bett versammelt, es kamen allerlei Leute aus dem Dorf, um sich von ihr zu verabschieden. Die Kinder rannten herein und hinaus, um sich Geld für Süßigkeiten zu erbetteln. Einer kochte Tee, ein anderer berichtete jemandem am Telefon, dass Großmutter eine Schale Joghurt gegessen habe. Ich fragte mich, ob meine Großmutter genug Ruhe hatte. „Man lässt Sterbende nicht allein“, sagte eine Verwandte und ich dachte an die, die allein in Altenheimen und Krankenhäusern sterben müssen. Ich wünsche mir weder in einem solchen Trubel zu sterben wie meine Großmutter, noch in der Einsamkeit eines Krankenhauszimmers.

Im Raum nebenan saßen die Männer, sie waren mit ganz anderen Themen beschäftigt. Einer schwärmte vom wirtschaftlichen Aufschwung der Türkei, ein anderer vom landschaftlichen und kulturellen Reichtum, die anderen stimmten zu. Nie käme es mir in den Sinn, so von Deutschland zu schwärmen und zu prahlen. „Weil Deutschland nicht deine Heimat ist“, sagten sie.

Ich fühlte mich fremd und gleichzeitig waren mir die Stimmen, die Schwärze ihrer weiten Schalwarhosen, die an den Fersen heruntergetretenen Lederschuhe und das Muster der Vorhänge so vertraut. Vertrautheit und Fremdheit gehen Hand in Hand und ich fragte mich, was das denn sein solle, diese Heimat. Ich saß inmitten meiner Familie und sah ich mich inmitten meiner Familie auf dem Polster sitzen, so, als säße ein zweites Ich neben mir. Das mit der Schildkröte stimmte nicht. Ich war noch nicht einmal in mir selbst beheimatet.

Als ich wieder zurück war in Berlin, passierte, was immer passiert, wenn ich ein paar Tage weg war. Ich brauche mindestens eine Nacht, um mich wieder an meine Möbel, den Geruch meiner Sachen, den Blick aus dem Fenster zu gewöhnen. Das zweite Ich, das neben mir steht und alles betrachtet, verlässt mich auch in Berlin nicht. Ich habe keine Heimat, aber das bedrückt mich wenig. Ein Zuhause brauche ich, eine Heimat nicht.

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Vom Vorteil des Visums

2014-05-17 19-00-20_0017Meine Cousine aus der Türkei kam uns letzten Sommer besuchen. Sie war die Erste in der Familie, die sah, wie und wo Onkel und Tante seit 40 Jahren leben. Einfach nach Deutschland fliegen können meine Verwandten nicht. Die meisten haben keine Reisepapiere – wozu. Einen Pass braucht nur, wer verreist. Die meisten verreisen nicht, ein Pass kostet Geld, Flüge ebenfalls, und für viele Länder bräuchten sie ein Visum. Das ist langwierig, kostet Gebühren, und wenn man keines bekommt, ist das Geld für die Gebühren weg.

Meine Cousine ist 32, geschieden und Lehrerin. Sie buchte ein Ticket und bat mich, ihr eine Einladung zu schicken, die braucht man für das Visum. Wer einlädt, unterzeichnet eine Erklärung, in der er sich verpflichtet, dass er für den Lebensunterhalt und für die Kosten für die Ausreise seines Gastes aufkommt. „Eine junge, alleinstehende Frau bekommt nie im Leben ein Visum“, sagten ihre Freunde, deren Visaanträge abgelehnt worden waren. Oder die, die jemanden kannte, der kein Visum bekommen hatte. Warum sollte ausgerechnet sie eins bekommen? Aufgelöst rief sie mich an, der Direktor ihrer Schule habe ihr mitgeteilt, dass ihr Visumsantrag abgelehnt worden sei. Er kenne jemanden im deutschen Konsulat, und derjenige habe im Computer nachgesehen und ihm die schlechten Nachrichten überbracht. In der Türkei kennt immer jemand jemanden, der jemanden kennt, der etwas weiß. Oder auch nicht.

Entgegen aller Erwartungen brachte Wochen später ein Kurier einen Umschlag, darin der Pass samt Visum. Der Rektor beglückwünschte sie und sagte, sein Bekannter habe sich wohl vertan. Die Aufregung um das Visum wird uns in Zukunft wohl erspart bleiben. Die Europäische Union stellt der Türkei Visafreiheit in Aussicht, vielleicht schon in drei Jahren. Die Türkei hat der EU im Dezember letzten Jahres zugesichert, Flüchtlinge, die illegal über die Türkei nach Europa wollen, zurückzunehmen. Die Türkei grenzt unter anderem an den Irak, den Iran und an Syrien. Allein aus Syrien wurden seit Beginn des Bürgerkriegs über neun Millionen Menschen vertrieben. Nach Angaben von Frontex, der europäischen Grenzpolizei, versuchten 2012 mehr als 37 000 Flüchtlinge, über die Türkei nach Griechenland und somit in die EU zu gelangen. Das sind mehr Menschen, als über alle anderen großen Fluchtrouten zusammen versuchten zu fliehen.

Die Türkei soll den Europäern helfen, sich noch weiter abzuschotten. Es wird mehr Grenzzäune geben, mehr Wärmebildkameras, mehr Wachleute. Je besser wir uns abschotten, desto mehr Menschen werden auf der Flucht umkommen, denn wer nicht übers Land fliehen kann, versucht es übers Meer. Erst im Januar sind vor der griechischen Küste zwölf Flüchtlinge ertrunken. Da bleibe ich lieber bei der Visapflicht.

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Weniger Salat ist keine Lösung

Weniger Salat ist keine LösungIch habe Blumensamen gekauft, um Pflänzchen für den Balkon zu ziehen. Ich hatte schon einen Stapel Plastikbecher in der Hand, habe sie aber doch liegen gelassen, weil ich die Samen stattdessen in mit Erde gefüllte Pappbecher stecken werde. Pappbecher bekommt meine Freundin jeden Morgen beim Bäcker, bei dem sie sich ihren schwarzen Tee holt. Die spült sie im Büro aus und bringt mir alle paar Tage einen Stapel mit. Weil meine Freundin nicht so viel Tee trinken kann, dass ich bis zum Frühjahr genug Becher habe, sammle ich unsere leeren Milchtüten, spüle sie aus und schneide sie auf halber Höhe durch. Wenn man in den Boden ein Loch bohrt und die Seiten bemalt, kann so ein Tetrapack ganz schön was hermachen.

Zum Ausspülen der Milchtüten nehme ich kein frisches Wasser. In unserer Küche stehen immer drei, vier halb ausgetrunkene Wassergläser vom Abend zuvor herum, damit gieße ich normalerweise die Zimmerpflanzen. Aber die brauchen zurzeit nicht viel Wasser, also kann ich es für die Milchtüten nehmen. Dann ist aber immer noch jede Menge schales Wasser übrig. Denn ich schütte auch das Wasser nicht weg, in dem ich den Salat wasche. Das fülle ich in die Gießkanne auf dem Balkon. Isst man oft Salat, kommt rasch mehr Wasser zusammen, als in eine 14-Liter-Gießkanne passen. Auf unserem Balkon stehen zwei Zehn-Liter-Eimer. Würde ich mich nicht vor den Nachbarn schämen, würde ich größere Eimer aufstellen. Man kann mit nicht benötigtem Gießwasser zum Beispiel den Dreck von Gummistiefeln waschen, wenn man denn welche tragen würde. Oder das Klo spülen. Ich bin recht erfindungsreich geworden, was die Weiterverwertung von Wasser betrifft. Aber es kommt immer mehr Wasser zusammen, als ich wiederverwerten kann.

Weniger Salat essen, wäre eine Lösung. Zumal nicht einmal unsere Schule das benutzte Wasser will. Wo man dort ansonsten dankbar ist für alles, was die Kinder zu Hause entbehren können. Einseitig bedrucktes Papier oder Stoffreste, Wolle, Schuhschachteln, Marmeladengläser. Auch im Kindergarten. Dort haben die Kinder alle Spielsachen weggepackt und sie in den Urlaub geschickt. Als mir mein Sohn davon erzählte, habe ich genickt und ihm kein Wort geglaubt. Bis ich ihn neulich beim Abholen nicht fand, weil er mit seiner Freundin in einem riesigen Karton saß. Darin hatten die beiden gespielt, das war ihr U-Boot.

Ich bin dankbar für spielzeugfreie Tage, weil dann alles, was landläufig lieblos als Müll bezeichnet wird, in die Kita gebracht werden darf. Joghurtbecher, Korken, Knöpfe, alte Zeitungen. Wir haben auch Joghurt-Eimerchen, Eierkartons, genug für mehrere Probenräume, Bläschenfolie für einen ganzen Wohnungsumzug. Nur mein Wasser will niemand. Also säe ich neue Samen, aus Samen werden Blumen, die brauchen Wasser.

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Offensichtliche Ungerechtigkeit

2014-07-11 18-20-17_0029Die jungen Frauen, lese ich, wollen keine Feministinnen sein. Wie kann man keine Feministin sein, wenn man eine Frau ist? Kaum, dass ich das gedacht habe, fällt mir die Bemerkung einer Freundin ein: Wie kann man Türkin sein, sagte sie, und sich nicht für die Belange der Türken in Deutschland interessieren? Immerhin hatte sie mir die Türken in der Türkei und in allen anderen Ländern dieser Welt erlassen.

Natürlich kann man Frau sein, ohne Feministin zu sein. Aber wenn man nun davon ausgeht, dass man sich nur um das kümmert, was einen selbst betrifft, so beschäftigen mich die Frauen gerade mehr als die Türken. Es gibt ja auch viel mehr von uns als von uns.

Während der Ausbildung, an der Uni und in den ersten Jahren im Beruf kommt es einem so vor, als spiele das Geschlecht keine Rolle. Wir waren alle Berufsanfänger und alle ehrgeizig. Ich hatte auch den Eindruck, wir Neuen verdienten alle gleich viel, egal ob Mann oder Frau. Die, die Verantwortung tragen und leiten wollten, kamen manchmal voran und bekamen auch mehr Geld. Das störte diejenigen aber wenig, die es nicht auf eine leitende Position abgesehen hatten. Sie fanden es schlicht gerecht.

Dann kamen die Kinder, und nichts mehr war gerecht. Das war es zwar vermutlich auch davor schon nicht, aber nun wurde es offensichtlich. An dem Tag, an dem man mit den Kollegen den Beginn des Mutterschutzes feiert, weiß man noch nicht, dass man sich gerade in die 1950er-Jahre verabschiedet.

Das begreift man erst, wenn das Kind da ist, der Mann oder Freund wieder zur Arbeit geht und man im Nachthemd an der Tür steht und sich ein Abschiedsküsschen gibt. Was mache ich hier eigentlich?, dachte ich. Fehlt nur noch, dass ich ihm das Aktentäschchen hinterhertrage. Beweise, wie ungerecht es zugeht, findet man jeden Tag in der Zeitung und mit steter Regelmäßigkeit Anfang März. Es sind die Frauen, die den verfluchten Haushalt machen, die nach der Geburt der Kinder – wieso Kinder? Es reicht schon eines – gar nicht mehr oder nur noch tageweise in ihr Büro zurückkehren und nie wieder soviel verdienen wie ihre Kollegen.

Es sind die Frauen, die die Babys zum Schlafen durch die immergleichen Straßen schieben, am Klettergerüst stehen, die Eingewöhnung in der Kita durchstehen und die Kleinen fortan jeden Tag um 16 Uhr dort abholen. Bei den Elternabenden, bei den Kuchenbasaren, beim Ausflug – natürlich gibt es dort auch Väter. Aber in Kindergärten und den Schulen scheint die Welt nur aus Kindern und Frauen zu bestehen. Wiedereinstieg in den Beruf, Teilzeit, Altersarmut – als ich mit Mitte zwanzig meine erste Stelle bekam, waren das Sorgen, die mich mit Gewissheit nie betreffen würden. Jetzt betreffen sie mich, und ich kann es nicht glauben. Worauf warten wir noch? Wir sind so viele. Die Türkin in mir ist vorn mit dabei.

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Mit Notizblock durch die Nacht

2014-07-11 18-41-39_0034Notizen helfen mir beim Denken. Andere Menschen ziehen sich dazu Laufschuhe an und gehen joggen. Wieder andere sind in der glücklichen Lage, dass sie schon beim Denken denken können. Für mich wäre das ideal. Nachdenken, während man nachdenkt. Ich muss aber nebenher schreiben. Nebenher stimmt nicht, erst schießt mir etwas in den Kopf, und damit es nicht verschwindet, muss ich es notieren. Dafür liegen überall in der Wohnung Stifte und Schmierpapier herum. Oft wache ich nachts auf und schaffe es nicht, wieder einzuschlafen. Dann fallen mir hochinteressante Dinge ein. Ich überlege, ob ich das Licht anschalten und aufschreiben muss, was mir durch das schlaftrunkene Hirn geht.

Je länger ich grüble, ob mir ein wirklich guter Gedanke nicht bis zum Morgen erhalten bleibt, desto mehr überkommt mich die Angst, er könnte sich in Nichts auflösen, ganz egal, wie gut er ist. Die Angst, ich könnte am Morgen bereuen, dass ich zu faul gewesen bin, mir zwei, drei Sätze zu notieren, treibt mich aus dem Bett. Denn in der Schublade des Nachttischchens, wohin ich Zettel und Stifte gelegt zu haben meine, liegen nur Taschentücher. Meine Blöckchen und Stifte verschwinden und tauchen nirgends wieder auf. Irgendjemand scheint sie zu fressen. Das Aufstehen und Suchen regt meinen Kreislauf dermaßen an, dass ich den Rest der Nacht wach liege, bis ich gegen fünf Uhr oder noch später, wieder einschlafe und nicht weiß, wo ich bin, wenn der Wecker um 6.40Uhr piept.

Ich krieche zurück unter die Warme Decke, und auch wenn ich im Liegen nicht gut schreiben kann, halte ich schnell fest, was sonst unwiederbringlich verloren wäre. In Stichworten nur, das reicht, ich muss mir meine Gedanken nicht selber erklären. Was wichtig ist, unterstreiche ich, oder ich ziehe mit dem Kuli einen Rahmen um das Wort und lege den Zettel beruhigt zur Seite.

Die Zettel sammle ich einer Schuhschachtel, die angefangenen Notizblöcke auch. Es werden immer mehr, weil ich, wenn mir unterwegs etwas Dringendes einfällt, mir jedes Mal im Schreibwarenladen einen neuen Block kaufen muss, weil der, der eigentlich in meiner Handtasche sein sollte, im Einkaufsbeutel zu Hause liegt.

Nun trat der seltene Fall ein, in dem ich einen Einfall hatte und auch gleich das Schreibzeug in Griffweite lag. Rasch schrieb ich mir auf, was so wichtig war. Dann blätterte ich zurück, um zu sehen, in welcher Reihe glorreicher Ideen diese stand. Das meiste war unleserlich. Ich blätterte weiter, hingeschmiertes Zickzack, nie werde ich das wieder entziffern können. Dann, in Großbuchstaben „mangelnder Respekt, nicht mangelnde Liebe!!!“ Weiß der Himmel, was ich damit meinte. Trotzdem muss ich weiterschreiben, nicht, um es hinterher zu lesen, sondern weil mir die Ideen nur kommen, wenn sie auch aufgeschrieben werden.

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Eine Bank für eine Pobacke

2014-07-11 18-18-43_0028Mit 40 steht man mit einem Bein schon im Grab“, sagte mein Vater früher. Da meine Eltern recht früh Eltern geworden sind, kann ich mich gut an diesen Satz erinnern und auch daran, dass der 40. Geburtstag meines Vaters noch in weiter Zukunft lag. Inzwischen ist er 66, und er steht noch immer mit einem Bein im Grab. Statt bei der Aussicht auf seinen nahen Tod noch rasch irgendetwas Besonderes erleben zu wollen, arrangiert er sich seit 26 Jahren mit seinem Ende.

Wenn man schon so halb gestorben ist, lohnt sich vieles nicht mehr. Eigentlich lohnt sich gar nichts mehr. Das ist die Erkenntnis, die er daraus gezogen hat. Wenn man tot ist, ist alles vorbei – für den jedenfalls, der gestorben ist. Es kann einem gleich sein, ob man einmal in Australien war, ob man sich morgens und abends die Zähne geputzt hat oder freundlich zu anderen Menschen war. Wie sich die anderen an einen erinnern, interessiert die wenigsten Toten.

Nun lässt sich mein Vater nicht gehen, und die meisten Menschen würden ihn auch in halbverstorbenem Zustand als freundlich bezeichnen. Aber jetzt noch etwas zu tun, was er noch nie getan hat, die Zeit vor dem Ende auszukosten, das käme ihm nicht in den Sinn. Ich weiß nicht, wie alt mein Vater meint, dass er wird. 70? 80? Gar 90? „70!“, ruft er, stöhnt und tut so, als sei das völlig abwegig. „Das ist in vier Jahren“, sage ich. „Wir wissen doch nicht einmal, was morgen ist“, sagt er. Ich weiß, was morgen ist. Mein Vater wird mir helfen, den alten Schrank im Flur zu fotografieren und ihn dann im Internet zum Verkauf anzubieten. Den Platz im Flur braucht meine Mutter für eine Bank. Sie sagt, sie wolle sich hinsetzen, wenn sie sich die Schuhe zubindet. „Wir brauchen doch keine Bank“, sagt mein Vater. „Du nicht“, erwidert meine Mutter. „Du bist ja im Geiste schon eine ganze Weile tot, aber ich brauche eine.“

Es gefällt ihm nicht, wenn man sagt, er sei schon lange tot. Ist er ja auch nicht. Selbst wenn er mit beiden Beinen im Grab stände, tot wäre er dann noch immer nicht. „Tot ist man erst, wenn man tot ist“, sagt er. „Wenn man mit einem Bein im Grab steht, heißt das nicht, dass man tot ist.“ Meine Mutter hat es aufgeben, sich mit ihm darüber zu streiten, wie viel vom Körper im Grab sein muss, bis man tot ist. Einmal sagte sie, wenn er mit 81 immer noch am Leben sei, habe er mehr Zeit seines Lebens halb im Grab als mit beiden Beinen im Leben gestanden. „Keine Sorge, so weit wird es nicht kommen“, sagte er.

„Ich kaufe jetzt eine Bank. Warum frage ich dich überhaupt?“, sagt sie. Es werde schließlich Zeit, dass sie ihre Entscheidungen alleine fälle. Je früher sie damit anfange, desto besser sei es. „Du darfst dich zum Warten gerne auf die Bank setzen, und wenn es dir lieber ist, dann auch gerne nur mit einer Pobacke.“

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Bezahlt wird nicht

2014-07-11 18-30-59_0030Meine Eltern haben einen Computer und mindestens ein Laptop. Es könnte sein, dass in ihrem Keller ein, zwei oder drei weitere Geräte liegen, die nicht mehr richtig funktionieren. Sie warten dort auf den Tag, an dem meine Eltern jemanden kennenlernen, der sich mit kaputten Laptops auskennt. Der Computer in der Werkstatt meiner Mutter funktioniert, aber das heißt nicht, dass sie ihn auch benutzt.

Für alles was mit dem Computer zu tun hat, bin ich zuständig. Nicht dass ich mich besonders gut auskenne, aber wenn etwas über das Internet gekauft, bestellt oder herausgefunden werden muss, klingelt mein Telefon. Dann sehe ich nach, was zwei Flugtickets nach Izmir kosten, oder ob es die teure Gesichtscreme, die meine Mutter bei ihrer Kosmetikerin kauft, nicht doch günstiger zu kriegen ist. Ich suche nach den Öffnungszeiten einer Firma, die feuerfeste Stoffe verkauft oder Lederschärfmaschinen. Hinterher gebe ich die Information am Telefon an sie weiter, oder drucke sie aus und schicke sie mit der Post.

Meine Eltern halten sich eine ganze Schar von Menschen, die sich mit irgendetwas auskennen oder wissen, wie sie etwas beschaffen können. Türscharniere, Blutdruckmessgeräte, Lämmchen, Brennholz, Äpfel. Ich frage mich, wann meine Eltern zuletzt ein Geschäft von innen gesehen haben oder einen Handwerker zu Hause hatten. Meine Mutter flickt jemandem den Motoradoverall, er installiert für sie das Faxgerät. Sie kürzt einen Hosensaum und bekommt dafür einen selbstgeflochtenen Weidenkorb oder fünf Kilo festkochende Kartoffeln. Wahrscheinlich benutzen sie auch kein Geld mehr, wozu auch, es wird ja getauscht. Vier ausgefüllte Formulare für die Krankenkasse gegen zwei Säcke Füllwatte oder eine alte Kommode gegen eine Espressomaschine.

„So haben das schon unsere Väter und Großväter gemacht“, sagt mein Vater. Das glaube ich kaum, mein Großvater hatte immer einen Bündel Geldscheine in der Hosentasche. Er faltete es einmal in der Mitte und wenn wir Enkel in den Laden wollten, gab er jedem von uns ein paar hundert Lira, später Millionen, für Süßigkeiten.

„Unsinn. Wir machen es nicht wie unsere Väter. Wir leben die Zukunft“, sagt meine Mutter, die im Radio etwas über Tauschbörsen gehört hat. „Das funktioniert sogar über das Internet.“ Das bedeutet noch mehr Zukunft. In diesen Börse bietet jemand Malerarbeiten an, ein anderer Massagen, bezahlt wird nicht mit Geld, als Gegenleistung bekommt man stattdessen vier Mal die Haare geschnitten oder muss zwei Monate nicht mehr selbst mit dem Hund Gassi gehen.

„Gründet doch auch eine Tauschbörse bei euch“, sage ich zu meiner Mutter. „Dann können noch viel mehr Leute mitmachen.“ Auf keinen Fall, sagt sie. Ihre Tauschpartner seien handverlesen.

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Schwarz und weiß

2014-07-11 18-34-06_0032

Wir blättern durch das neue Katzenbuch meiner Tochter, darin sind Perser-Katzen, Siam-Katzen, Sphinx-Katzen und allerlei andere Rassen abgebildet. Die Perser-Katze sei die schönste Katze, sagt sie, die Sphinx dagegen die hässlichste. Wenn man sechs Jahre alt ist, sind die Präferenzen noch klar. Schön ist schön und hässlich ist hässlich. Lange hatte ich mir die Welt genauso aufgeteilt, in schön und hässlich, vor allem aber in deutsch und türkisch, und das bis in die kleinsten Details. Beispielsweise war ich überzeugt, der Gebrauch einer Sonnenbrille sei etwas Deutsches, ins Konzert zu gehen, Skifahren, Zeitung lesen ebenfalls. Türkisch war, sich im Hausflur die Schuhe auszuziehen, Tee zu trinken, Besuch am Wochenende, goldene Armreifen, warmes Abendessen statt Abendbrot.

Ich musste nicht lange überlegen, in welche Kategorie etwas gehörte. Es war klar, welchen Anstrich es bekommen würde. Im wahrsten Sinne des Wortes: Das Wort deutsch ist für mich weiß, das Wort türkisch schwarz. Meine Buchstaben haben Farben, auch die Wochentage, Zahlen, Ländernamen, Städtenamen, Namen von Menschen. Der Mittwoch etwa ist grün, der Dienstag gelb, das Wort Frankreich blau, Stuttgart rot, auch die Zahl zwei ist rot, vier blau, zehn ist weiß.

Mein Mann glaubte mir nicht, als ich es ihm einmal beiläufig erzählte. Er fragte mich ab und notierte sich meine Zuordnung, um bei einer anderen Gelegenheit zu überprüfen, ob ich ihn nicht veräppelt hätte. Ich hatte ihn nicht veräppelt.

Die Synästhesie, so heißt die Verknüpfung von Farben, Zahlen und Buchstaben, ist geblieben. Aber die Zuordnung, was deutsch ist und was türkisch, ist durcheinandergeraten. Mir fiel irgendwann auf, dass meine Freundin Ruth auch abends um zehn zu Hause sein musste, obwohl ihre Eltern keine Türken waren. Olivers Eltern bestanden darauf, dass seine Freunde die Schuhe vor der Tür auszogen. In der Sauna hörte ich zwei Frauen Türkisch plaudern, und einmal sah ich sogar welche auf Skiern. Der Verstand erkannte, dass meine Zuordnung nicht recht funktionierte. Aber es scheint im Hirn eine weitere Instanz zu geben, die sich vom Verstand nichts sagen lässt.

Ich staune noch immer, ganz heimlich und leise, über Türken, die sich im Restaurant kommentarlos ein Schweineschnitzel bestellen oder türkische Bekannte, die mir erzählen, ihre Eltern hätten Pferde, richtige Pferde zum Reiten, nicht solche Gäule wie mein Opa für die Feldarbeit.

Ich kenne Deutsche, die sich die Haare mit Henna färben und tatsächlich auch Türken, die im Kloster ein ganzes Wochenende lang schweigen. Ich bin verblüfft über sie und über mich, weil das Denken in schwarz und weiß so schwer auszutreiben ist. Es ist wirklich nicht meine Schuld, es ist die Synästhesie.

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Besser als jede Knusperhexe

2014-07-11 18-35-59_0032Als Hausaufgabe sollte meine Tochter ihre Großeltern fragen, wie die Schule früher war und ein Bild dazu malen. Sie hörte sich zunächst am Telefon die Erzählungen ihres Großvaters väterlicherseits an. Der erzählt sehr detailreich, und je länger er redet, desto mehr fällt ihm wieder ein. Wenn er abschweift, und das tut er oft, spannt er den Bogen anschließend wieder zurück zur eigentlichen Geschichte. Meine Tochter kennt das und holt sich in der Zwischenzeit etwas zu trinken. Das Telefon lässt sie solange auf dem Schreibtisch stehen. Der Opa merkt nicht, dass ihm niemand zuhört. Auch die dazugehörige Oma wurde interviewt, sie hat einen ähnlichen Erzählstil, das bringen vierzig Jahre Ehe mit sich.

Mein Vater redet nicht gerne und wusste zu seiner Schulzeit nicht mehr zu sagen, als dass sie schon sehr lange zurückliegt. Dann gab er den Hörer an meine Mutter weiter. Sie war vier Jahre auf der Schule, dann fand mein Großvater, dass sie genug gelernt hatte und schickte sie nach den Sommerferien nicht mehr hin. „Ich habe jeden Tag geweint“, sagte meine Mutter. „Ich ging so gerne in die Schule. Aber ich musste auf meine Geschwister aufpassen und auf dem Feld helfen.“

Meine Tochter hörte sich die Geschichte meiner Mutter an, als bekäme sie gerade „Hänsel und Gretel“ vorgelesen. Es tauchte aber keine böse Hexe auf, nur blaue Schuluniformen mit weißem Kragen und ein Lineal, mit dem die Kinder geschlagen wurden, wenn der Kragen schmutzig war. „Im Winter mussten wir Holzscheite mitbringen für den Ofen in der Schule, wir hatten ja keine Heizung wie ihr, und wer kein Holz dabeihatte, bekam wieder Schläge mit dem Lineal.“ Meine Tochter war hingerissen. Das niedersausende Lineal war aufregender als jede böse Hexe.

Nach all dem Telefonieren malte sie ein schauerliches Bild, in dem Kinder in blauen Kleidern kleine, schwarze Striche weinten. Eines schaute aus dem brennenden Ofen heraus. So viel künstlerische Freiheit muss sein. Ehe sie Albträume bekommt, ist es besser, sie verarbeitet die Erinnerungen ihrer Großmutter auf diese Art.

Was die Lehrerin zu der Hausaufgabe gesagt hat, erfahre ich nicht, weil sie krank ist. Es sei eine andere Frau dagewesen, und die habe das Bild nicht angesehen, erzählt meine Tochter. Was sie bei ihr gemacht haben, frage ich. „Wir mussten Kartoffeln schälen“, sagt sie. Kartoffeln? Wozu? Mein Kind sagt, die Frau habe sich eine Kartoffelsuppe kochen wollen. „Und danach mussten wir still rechnen. Wir durften nicht nach links oder rechts gucken, nur jeder auf sein eigenes Blatt. Sie hat kleine Vorhänge zwischen uns gespannt und Gitter, die durfte man nicht anfassen. Die waren ganz heiß.“ Das war zu erwarten. Mit Geschichten vom Morgenkreis kann meine Tochter mit ihrer heiß geliebten Großmutter ja schlecht mithalten.

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Das beweinte Plüschtier

2014-07-11 18-38-38_0033Vor ein paar Wochenhaben wir die Kinder übers Wochenende zu meinen Eltern nach Schwäbisch Gmünd gebracht. Mein Mann und ich fuhren weiter in die Schweiz. Das Haus meiner Eltern lag quasi auf dem Weg. Als wir wieder zurück in die Kleinstadt in Baden-Württemberg kamen, sah ich die Überraschung schon durch die Terrassentür. Dass sie Sabrina hieß, erfuhr ich erst hinterher: Ein etwa 1,20 Meter hohes Plüschpferd mit stabilen Beinen, sodass zwei Kinder auf seinem Rücken sitzen und so tun konnten, als ritten sie durchs Wohnzimmer. Meine Mutter hatte es ihnen gekauft. Wer sonst. Aus Angst vor mir habe sie nur eines gekauft, auch wenn es dem Kleinen gegenüber unfair sei, sagte sie. Er hätte nämlich auch gerne eins gehabt. Nun musste er sich Sabrina, oder Sabrini, wie meine Tochter das Plüschpferd zärtlich beweint, mit seiner Schwester teilen. Sabrini wird deshalb beweint, weil sie noch immer in Schwäbisch Gmünd steht und sicherlich traurig zur Terrasse hinausschaut. Mein Mann verbot auf der Stelle, dass Sabrini mit uns nach Berlin fliegt. Ich sah heimlich trotzdem nach, ob man sie nicht als Sonder- oder Sperrgepäck mitnehmen konnte. „Gute Idee“, sagte er, als er mich am Computer erwischte. „Wir sagen, die Fluggesellschaft erlaubt es nicht.“ Meine Mutter schlug vor, uns Sabrini mit der Post zu schicken. Oder sie bei ihrem nächsten Besuch selbst mitzubringen. Todunglücklich packt unsere Tochter Sabrinis Reitpeitsche in ihren Koffer. Ich erlaubte ihr noch, den nagelneuen Striegel mit ins Handgepäck zu nehmen.

In zwei Wochen sind Schulferien, meine Mutter hat versprochen zu kommen. Meine Tochter freut sich unbändig. „Auf Nene?“, frage ich. So nennt sie ihre Oma auf Türkisch. „Auf die auch“, antwortet sie. „Du weißt, dass wir keinen Platz für ein Pferd haben“, sagt mein Mann. Sofort beginnt unsere Tochter zu weinen. „Wir könnten die gelbe Lampe in den Keller bringen und das Bobbycar verschenken“, sage ich. „Are you crazy?“, ruft mein Mann. Er hätte auch auf Deutsch fragen können, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Die Kinder erkennen an seinem Gesichtsausdruck und an seinem Ton, dass er Sabrini nicht im Haus haben will.

Meine Mutter will mit dem Zug kommen. Ich stelle mir vor, wie sie mit Reisetasche und Pferd in den ICE steigt. „Es stört sie sicher nicht, wenn Sabrini ihnen über die Schulter schaut, oder?“, würde sie ihre Mitfahrer fragen. Wenn das Pferd erst einmal da ist, ist es eben da. Ich mische mich da nicht ein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Mann es übers Herz bringt, Sabrini aus dem Fenster zu werfen. Er könnte es nicht einmal, dafür ist sie viel zu groß. Siemüsste bei uns bleiben. Nie im Leben würde mein Mann seine Schwiegermutter mit Sabrini zum Hauptbahnhof bringen und ihr helfen, das Plüschtier in Wagen 22 zu hieven, nur damit er sich durchgesetzt hat. Im Grunde seines Herzens ist er ein guter Kerl.

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Der Mann im Haushalt

Als sich meine Eltern gerade selbstständig gemacht hatten, wurde meine Mutter von ihren Freundinnen bemitleidet. Besonders von Waltraud. „Jetzt hast du deinen Mann den ganzen Tag um dich, jetzt ist er den ganzen Tag zu Hause.“ Im Keller ihres Hauses richtete sich meine Mutter eine kleine Schneiderei ein, mein Vater polsterte nebenan Möbel. Davor hatten sie über zwanzig Jahre zusammen in einer Möbelfirma gearbeitet. Er in der Polsterabteilung, sie in der Näherei. Sie fuhren morgens gemeinsam hin, stempelten ihre Karten, verschwanden in ihren Abteilungen, aßen gemeinsam zu Mittag, trennten sich wieder für ein paar Stunden, fuhren gemeinsam nach Hause, verbrachten den Abend gemeinsam und schliefen im selben Bett. Sie sahen sich genauso viel wie jetzt, aber damals bemitleidete Waltraud sie wenig.

„Wie hältst du das nur aus“, fragte sie meine Mutter. Waltraud graute es davor, dass ihr Mann in absehbarer Zeit in Pension gehen und dann auch tagsüber zu Hause sein würde. „Der läuft mir jetzt schon dauernd vor den Füßen herum.“ Meine Mutter sagte, mein Vater und sie sähen sich gar nicht so oft, das glaubte Waltraud nicht. „Hilft er dir wenigstens bei der Hausarbeit“, fragte sie. Meine Mutter nickte, doch das glaubte ihr Waltraud erst recht nicht, kein Wunder.

Meinen Vater bei der Hausarbeit zu erwischen, ist noch immer nicht leicht. Früher ließ er, sobald es an der Tür klingelte, alles aus der Hand fallen, was nach Putzgerät aussehen könnte. Inzwischen ist er gelassener geworden. Man sieht ihn durchaus mit dem Staubsauger durch die Wohnung gehen. Der Staubsauger ist laut, er ist ein technisches Gerät, und man macht sich die Hände dabei nicht schmutzig. Auch für Tragearbeiten schämt er sich nicht mehr: Mülltüten bringt er hinaus und Altpapier, auch mit dem Wäschekorb trifft man ihn an, aber nur, sofern die Wäsche darin sauber und trocken ist. Wäsche, die erst noch sortiert und gewaschen werden muss, muss warten, bis sich jemand anderer erbarmt. Um die Spülmaschine kümmert er sich. Bei meinen Besuchen werde ich jeden Morgen vom Lärm wach, den er morgens um sieben beim Aus- und Wiedereinräumen macht. Aber um die Zeit ist Waltraud selten zu Gast.

Waltrauds Mann ist nun pensioniert worden, seither besucht sie meine Eltern täglich. Sie sitzt in der Werkstatt meiner Mutter und hilft ihr, Reißverschlüsse aufzutrennen oder bügelt Säume um. Wenn meine Mutter nichts für sie zu tun hat, reicht sie meinem Vater Ziernägel, die er einen nach dem anderen um das Sitzpolster eines Stuhls hämmert. Zweimal hat sie für die beiden ein Mittagessen gekocht und hinterher Mittagschlaf auf dem Wohnzimmersofa gehalten. „Warum schläft sie nicht zu Hause?“, flüstert mein Vater. „Dort kann sie nicht schlafen. Ihr Mann ist jetzt immer da und saugt die Wohnung.“

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Durst-Pflicht in der Stadtwüste

2014-08-21 11-34-28_0038Der Gedanke, einfach so am Schreibtisch oder beim Gurkenschälen zu verdursten, bekümmerte mich früher wenig. Die ersten zwanzig Jahre meines Lebens scherte sich niemand darum, ob ich genug Wasser getrunken hatte oder nicht. Ich trank, wenn ich Durst hatte, und hatte ich keinen, lies ich es bleiben. Heute wage ich es nicht mehr, das Haus zu verlassen, ohne mir am Wasserhahn ein Fläschchen Wasser abzufüllen und es mitzunehmen. Ich könnte Durst kriegen, während ich auf die U-Bahn warte. Oder beim Bäcker in der Schlange stehe. Wenn nicht ich, so könnten die Kinder etwas zu trinken haben wollen. Oder der Mann.

Meine Tochter bringt manchmal ihre Wasserflasche unberührt aus der Schule mit nach Hause. „Hast du den ganzen Tag nichts getrunken?“, frage ich. „Doch, beim Mittagessen“, antwortet sie. „Hast du keinen Durst gehabt, vormittags in der kleinen Pause, oder in der Hofpause, oder nachmittags?“ Sie antwortet mir nicht.

Bis vor einiger Zeit glaubte ich, ein Erwachsener müsse am Tag drei Liter Wasser trinken, weil er sonst dehydriere. Also trank ich und trank und trank, dass es bei jedem Schritt in meinem Bauch gluckerte. Dann las ich, dass es eineinhalb Liter auch täten. Selbst die Liter schaffte ich selten. Abends zwang ich mich, den schalen Rest in der Flasche in einem Zug leer zu trinken, weshalb ich jahrelang nachts aufstehen musste und hinterher nicht mehr einschlafen konnte.

Das Wassertrinken ohne Not und Durst habe ich aufgeben. Ich trinke wieder nach Bedarf, so wie früher. Neu ist, dass ich jetzt auch Alkohol trinke, nicht jeden, aber Rotwein. Ich kann mittlerweile guten von schlechtem Wein unterscheiden. Manchmal habe ich Lust auf ein Glas und scheue mich auch nicht mehr, eine Flasche nur für mich alleine zu öffnen. Selbst wenn meine Eltern zu Gast sind und mein Vater am zweiten Abend, an dem ich mir als einzige am Tisch etwas einschenke, meinen Mann fragt, ob das jeden Abend so gehe. Meine Mutter schenkt sich mir zuliebe einen Schluck ein und trinkt, auch wenn es ihr nicht schmeckt.

Trinke ich Alkohol in Anwesenheit meines Vaters, hält er mich für eine Alkoholikerin. Trinke ich keinen in Anwesenheit aller anderer Menschen, mit denen ich gerne zusammen bin–meinen Mann ausgenommen, – mache ich mich verdächtig. Als allererstes vermutet man in meinem Fall Angst vor Allah, gefolgt von Schwangerschaft, Krankheiten, einem Kater, versteckter Trinksucht und schließlich Entzug. Nur ein Grund wird nicht in Betracht gezogen – dass mir Bier oder Schnaps eben nicht schmecken.

„Du weißt schon, dass Alkohol den Körper austrocknet“, fragt mein Vater und nimmt einen großen Schluck aus seinem Sprudelglas. „Weiß ich. Hab schon dreieinhalb Liter Wasser getrunken, extra ein bisschen mehr, wegen des Weines“, sage ich. Das war dumm. Jetzt hält er mich erst recht für eine Trinkerin.

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Gespräche aus der Unterwelt

2014-08-21 11-40-58_0037Eine Menge Stürze hat unser Telefon schon überlebt, den letzten nicht. Im Schrank habe ich tatsächlich noch mein altes Telefon gefunden. Damit habe ich nicht gerechnet, weil ich fast alles verschenkt habe, was doppelt war, nachdem mein Mann und ich zusammengezogen waren. Das Telefon braucht nur neue Batterien, schon geht es wieder. Es sieht aber so fremd aus in meiner Hand, ich habe es kaum wieder erkannt. Die gespeicherten Nummern darin auch nicht. Tastendruck für Tastendruck gehe ich die Namen durch.

Wer ist Katrin? Kannte ich einmal jemanden, der Katrin hieß? Meine ich mit Anna meine neue Anna oder die, die einmal bei mir im Haus gewohnt hat? Mit Britta habe ich mich vor Jahren zerstritten und rede seither kein Wort mehr mit ihr. In meinem alten Telefon sind all ihre Nummern gespeichert, bei der Arbeit, zu Hause, auch die ihres Freundes. Ob sie mit dem noch zusammen ist? Eine Zeitlang haben wir uns jeden Tag gesehen, aber geblieben sind nur die Nummern. Corinna wohnt schon lange nicht mehr in Berlin, und Ingo ist nach vier Jahren in Bremen für ein Jahr nach München und nun wieder zurück nach Berlin gezogen. Die Nummer meines Mannes ist nicht gespeichert. Wieso nicht? Ich werde ihn wohl sicher einmal angerufen haben, bevor ich mit ihm zusammengezogen bin und ihn geheiratet habe. Da bin ich mir sogar sicher. Denn schon da merkte ich, dass er meinem Vater ähnlich ist. Der telefoniert auch nicht gern.

Es sind noch alte Nachrichten auf dem Anrufbeantworter gespeichert. Mein Mann und ich stehen zusammen am Schreibtisch und hören sie ab. Ich hoffe, dass nichts Verfängliches darauf zu hören ist, und zum Glück ist nichts dabei. Dennoch wird mir ganz mulmig. Es ist als spräche jemand aus der Unterwelt zu uns. Ein ehemaliger Arbeitskollege, der eine Wochenendschicht tauschen möchte. Meine Mutter. Jemand von der Bank. Es ist unheimlich, um sieben Jahre zurückgeworfen zu werden und Nachrichten vom 24. März 2006 zu hören, die so frisch und doch so normal klingen, als wären sie von heute Morgen. Seit vielen Jahren hebe ich meine Terminkalender auf, sie sind mein kleiner Tagebuchersatz, weil ich denke, dass es schön sein muss, zu wissen, was man am 4. Februar, oder sagen wir, am16. Juni gemacht hat. Aber es ist überhaupt nicht schön.

Die letzte Nachricht ist von Britta, die mich fragt, ob ich eine Wasserwaage hätte. Entschuldigt hat sie sich damals nicht, ich meine nicht wegen der Wasserwaage. Uns hat ein langwieriger Streit mit Vorwürfen, ein wenig Illoyalität, viel Geschrei, Tränen, Tratsch und vielen, vielen Anschuldigungen auseinandergebracht. Jetzt werde ich anrufen und sehen, was die Wasserwaage macht. Worum es eigentlich ging, geht weder aus ihrem Anruf noch aus meinem Terminkalender von 2006 hervor.

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